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Bayern und der Erste Weltkrieg: Heimatfront

Mit der Kriegserklärung gegen Russland am 1. August 1914 trat das Deutsche Reich in den Ersten Weltkrieg ein. Am gleichen Tag noch gab König Ludwig III. von Bayern auf dem Balkon des Wittelsbacher Palais in München – unter dem Jubel der Massen – die Generalmobilmachung (= Vorbereitung der Streitkräfte auf den Krieg) bekannt. Die bayerische Bevölkerung erwartete ein schnelles und siegreiches Ende des Krieges.

Doch schon bald mussten alle Lebensbereiche dem Krieg untergeordnet werden. Die Folge war eine verheerende Nahrungsmittelknappheit bei der Zivilbevölkerung, auch in Bayern. Selbst unter diesen Umständen musste noch ein Teil der in Bayern produzierten Nahrungsmittel in den Norden des Deutschen Reichs exportiert werden, unter anderem um die Arbeiter im Ruhrgebiet zu ernähren. Denn hauptsächlich dort wurden Waffen und Munition für den Krieg hergestellt. Bereits wenige Wochen nach Kriegsbeginn war so die Kriegsbegeisterung in der bayerischen Bevölkerung weitgehend verflogen.

Der Mangel an Lebensmitteln und Heizkohle trieb die Preise in die Höhe. Deswegen horteten und hamsterten die Menschen. Dies verschärfte jedoch die Versorgungslage weiter. Die Spannungen in der Bevölkerung zwischen den Bauern, die die Nahrungsmittel produzierten, und den Stadtbewohnern, denen die Nahrungsmittel fehlten, wuchsen.

Deswegen wurden die Abgabequoten für Lebensmittel immer wieder erhöht. Auch wenn die Bauern selbst Schwierigkeiten hatten, sich zu versorgen, hatten sie trotzdem weniger unter dem Lebensmittelmangel zu leiden. Verschärft wurde deren Situation durch den Militärdienst von Bauern, Bauernsöhnen und Knechten. Außerdem mussten die Bauern ihre Pferde für den Krieg abgeben. Auf den Höfen fehlten also Arbeitskräfte und Zugtiere für die schwere Feld- und Stallarbeit. Wegen des schlechten Wetters kam es zusätzlich zu Missernten. In der Folge wurde auch das Saatgut Mangelware, was die Situation weiter verschlechterte.

Auch in der Industrie fehlten die Arbeiter, die als Soldaten an der Front waren. Gastarbeiter und Kriegsgefangene sollten diese Lücke schließen. Vor allem aber wurden die Frauen zur maßgeblichen Stütze der industriellen Produktion. Da für den Krieg viele Waffen benötigt wurden, war die Bezahlung in der Rüstungsindustrie verhältnismäßig gut. Dies galt jedoch nicht für die übrigen Industriezweige.
Händler, Gewerbetreibende und Freiberufler hatten mit der schlechten Auftragslage zu kämpfen oder ihnen fehlten die Rohstoffe, um etwas herstellen zu können. Immer mehr Menschen standen vor dem Ende ihrer Existenz. Nur das Großbürgertum und teilweise auch der Adel konnten oft durch Vermögens- und Sachwerte, wie Gold oder Immobilien, oder durch hohe Einkommen die steigenden Lebenshaltungskosten meistern.

Neben der Nahrungsmittelknappheit war die Doppelbelastung der Frauen durch die viele Arbeit und die Erziehung der Kinder sehr hoch. Die Heranwachsenden waren schlecht versorgt und lebten oft ohne elterliche Aufsicht. Hinzu kam die seelische Belastung wegen der Familienangehörigen und Freunde an der Front. Ständig trafen neue Gefallenenmeldungen ein. Trotz der Durchhalteparolen des Königs machte sich Kriegsmüdigkeit breit, vor allem gegen Kriegsende. Nun wurde auch Kritik von bayerischen Politikern am Vorgehen Preußens und des Reichs im militärischen wie auch zivilen Bereich geäußert. Der von der Obersten Heeresleitung und konservativ-nationalen politischen Kräften ersehnte „Siegfrieden“ wurde immer unrealistischer. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung bekamen auch die bayerische Regierung und König Ludwig III. zu spüren. Ihnen wurde mangelnde Durchsetzungskraft gegenüber Berlin und die Vernachlässigung bayerischer Interessen vorgeworfen.

Um einigermaßen überleben zu können ...

Um einigermaßen überleben zu können, wurde Bier sehr dünn gebraut, Milch mit Wasser gestreckt und Brot mit minderwertigem Mehl gebacken. Lebensmittel wurden streng rationiert. Nur mit den entsprechenden Lebensmittelkarten bekam man das Lebensnotwendige. Als Belastung insbesondere für die Frauen kam das oft stundenlange Anstehen vor Lebensmittelgeschäften und öffentlichen Ausgabestellen hinzu. Nicht selten blieb das Anstehen am Ende erfolglos, weil es trotz Lebensmittelkarten keine Ware mehr gab.

Es mangelte an Fleisch, Öl und Fett, aber auch an Kartoffeln. Man kochte daher mit Eicheln, Bucheckern und Kastanien. Kleidung und Schuhe konnten kaum mehr ersetzt werden. Der Staat rief seine Bürger schließlich zum Sammeln von Ersatzstoffen auf. Im Winter 1916 bestand die Ernährung für die meisten Menschen nur noch aus Steck- oder Speiserüben („Rübenwinter 1916/17“), so kamen unter anderem bayerische Rüben mit Einbrenn, der „Boarische Ruam-Tauch“, auf den Tisch. Die Einbrenn(e), oder auch Mehlschwitze, ist eine erhitzte Mischung aus Weizenmehl und Fett, die eigentlich zum Binden von Suppen und Soßen dient.

Von Seiten der bayerischen Behörden kam in den ersten Kriegsmonaten keine Hilfe zur Verbesserung der Notlage der Bevölkerung. Die staatlichen Stellen hatten nicht mit einer so schlechten Lebensmittelversorgung gerechnet. Auch der Ernährungsbeirat im bayerischen Innenministerium, der ab Mitte 1916 tagte, konnte die Lage nicht entscheidend entspannen.

Hinzu kam der Konflikt zwischen den Bauern und der Stadtbevölkerung wegen der schlechten Versorgungslage, der schließlich im bayerischen Landtag diskutiert wurde. In der Folge mussten der Kriegs- und der Innenminister zurücktreten. Die Regierung konnte sich letztlich nicht entscheiden, wie sie den Konflikt entschärfen könnte. Dies verstärkte die Unzufriedenheit in der bayerischen Bevölkerung und ließ die Behörden inkompetent erscheinen.

Arbeitsaufträge

  • Arbeitet in Partnerarbeit heraus, mit welchen Problemen die Menschen während des Ersten Weltkriegs in Bayern zu kämpfen hatten.
  • Analysiert in Partnerarbeit das Plakat „Bauern tut eure Pflicht!“
    • Betrachtet das Bild. Wie wirkt das Plakat auf euch?          
    • Beschreibt den Bildinhalt.
    • Erarbeitet den Zusammenhang zwischen Bild und Text. Was meint in diesem Zusammenhang der Begriff „Pflicht“?
    • Fasst eure Ergebnisse zusammen und erläutert, mit welchen Mitteln der Staat versuchte, die Bauern dazu zu bewegen, der städtischen Bevölkerung zu helfen.
  • Wählt in Kleingruppenarbeit eines aus den Plakaten 2-5 aus, das eurer Meinung nach die Probleme der Menschen in Bayern am besten verdeutlicht. Gestaltet für eure Mitschüler ein Infoblatt. Auf diesem stellt ihr die ausgewählte Quelle in den Mittelpunkt:
    • Beschreibt den Bildinhalt des Plakats.
    • Hebt mittels Pfeilen wichtige Details auf dem Plakat hervor und erklärt diese.
    • Stellt nun einen Zusammenhang zwischen der Plakataussage und der Situation an der Heimatfront her.
  • Arbeitsteilige Gruppenarbeit: Gruppenarbeit zur Quelle 6 bzw. 7.
    • Erarbeitet den Inhalt des von euch gewählten Plakats.
      • Zu Quelle 7: Gliedert den Text in Abschnitte. Ordnet folgende Überschriften den Abschnitten zu: persönliche Sichtweise des bayerischen Königs auf die Lage 1917 in Bayern – Leistung der Soldaten an der Front – Leistung der Frauen, Kinder und alten Menschen – Leistung weiterer Personengruppen
    • Achtet darauf, an wen der Aufruf auf dem Plakat gerichtet ist. Welches Ziel soll mit dem Plakat erreicht werden?
    • Notiert euch auffällige sprachliche Mittel, Wörter oder Wendungen. Welche Funktion haben sie?
      • Zu Quelle 6:
        • Ermittelt die Funktion des Bilds für den Betrachter des Plakats.
        • Im Text von Quelle 6 sind zudem Begriffe unterstrichen. Überlegt und erläutert, warum.
    • Erklärt, inwiefern das von euch bearbeitete Plakat als wichtige Quelle für die Lage der Menschen an der Heimatfront gelten kann.
    • Setzt den Aufruf auf dem Plakat in eine moderne Version um, wie sie im Internet verschickt werden könnte. Integriert ein geeignetes Bild zum Ersten Weltkrieg in euren Aufruf. Recherchiert dazu in Büchern zum Ersten Weltkrieg oder im Internet.

 

Transkription

An Münchens Bevölkerung!

An Münchens Bevölkerung!

Weihnachten naht. Müssen auch unsere Feldgrauen (= Soldaten) nun schon dreimal des richtigen Familienfestes entbehren, so wollen wir ihnen wenigstens die Beruhigung verschaffen, daß ihre Kinder, daß unsere lieben Kriegerkinder ein richtiges fröhliches Weihnachtsfest feiern dürfen.

Die Mittel dazu soll eine behördlich genehmigte Verlosung von Lebensmitteln liefern, die am 8. und 9. Dezember stattfinden wird. Der Gewinner braucht keine Lebensmittelmarken abzuliefern.

Jeder Münchner spende etwas, sei es auch nur eine Büchse Konserven, ein Töpfchen Marmelade, ein Pfund Mehl, etwas Kaffee, Tee, Kakao, Schokolade. Eine Kleinigkeit wird jeder entbehren können und gerne entbehren, wenn er bedenkt, was er noch immer vor unseren Helden an der Front voraus hat. Besonders aber möge jedes Lebensmittelgeschäft irgend eine Gabe beisteuern.

Die strahlendsten Augen unserer Kriegerkinder bilden den schönsten Lohn für die edlen Spender.

Spenden bittet man im Kriegskinderheim, Barerstraße 15/II, zwischen 9 Uhr früh und 6 Uhr abends abzugeben. Größere Gaben werden auf Fernruf hin abgeholt.

 

München, im November 1916

Kriegskinderheim, Barerstr. 15

(Seitengebäude der „Arminia“)

Transkription

An Meine Bayern!

Von neuem jährt sich der Tag, an dem das Deutsche Volk zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen wurde. Bayerns tapferes Heer hat in treuer Blutsgemeinschaft mit allen deutschen Stämmen und im engen Verein mit Deutschlands Verbündeten Unvergleichliches geleistet. Mit Gottes Hilfe ist es gelungen, der ungeheuren Übermacht der Feinde zu trotzen und unser schönes Heimatland vor den Verheerungen des Krieges zu bewahren. An den Grenzen und im Feindeslande schlugen unsere Truppen siegreiche Schlachten. Gerade in diesen Tagen wurde der Feind, dem wir vergeblichen Frieden angeboten, mit wuchtigen Stößen erneut geworfen.

In treuer Opfer- und Arbeitsgemeinschaft steht die Heimat zur Front. Stadt und Land wetteifern in Pflichttreue und Opfermut, in ernster schwerer Arbeit und in starker zäher Ausdauer.

Hart und drückend ist oft die Not am häuslichen Herd, aber alle nehmen Einschränkungen und Entbehrungen willig auf sich.

Was früher starke Manneskraft an Pflug und Erntewagen geleistet, vollbringen Mütter und Frauen, Kinder und Greise. Und der Himmel ist mit ihnen.

Am Feuer der Esse schmieden Männer, Frauen und Mädchen dem Heere Wehr und Waffen.

Das Geld für des Reiches Rüstung haben alle freudig gegeben, auch der kleine Sparer seinen Notpfennig.

Während der Krieger draußen dem Feinde trotzt, schützt die Heimat sein Weib und Kind vor Not.

Lange Nächte wachen sorgende Schwestern am Leidensbett verwundeter und erkrankter Krieger. Für den Arm, den die feindliche Kugel gelähmt, für die tapferen, die Gesundheit und Kraft geopfert, schaffen hundert Herzen und Hände.

Inmitten rastloser Arbeit des Alltags wecken und stärken führende Männer die seelischen und sittlichen Kräfte.

So geben einmütig alle ihr Bestes und Letztes für das Wohl des Volkes und für die Ehre und Freiheit des Vaterlandes.

Ich empfinde es als Herzensbedürfnis, Meinen lieben Bayern für all die Kriegsarbeit der Heimat heißen Dank, aufrichtige Anerkennung und stolze Bewunderung auszusprechen. In der innigsten Dankbarkeit beugen wir alle uns vor den Müttern, die ihre Stütze und Hoffnung dem Vaterland geweiht, vor den Frauen, die den Gatten, den Vater und Ernährer ihrer Kinder, für immer hingegeben haben. Die Opfer sind nicht vergebens gebracht. Drei Jahre hat Bayerns Volk nun schon gekämpft, geblutet, gestritten und gelitten. Aber ungebrochen ist unsere Zuversicht, unzerstörbar unser Gottvertrauen und der Glaube an die Zukunft des Vaterlandes. In bewährter deutscher Treue steht Bayern zu Kaiser und Reich; ungebrochen, unbezwingbar beschützen Meine Bayern ihr liebes Heimatland, bis ihr Kind und Kindeskind der heißersehnte glückliche Friede erkämpft ist. Ihn gebe Gott!

München, 31. Juli 1917

Ludwig