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Bayern und die Gründung des Deutschen Reiches 1871

Bereits während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 wurde über eine deutsche Einigung verhandelt. Das betraf auch das Königreich Bayern. Hierüber berieten der bayerische Außenminister und der bayerische Kriegsminister mit Bismarck. König Ludwig II. von Bayern war daran nicht beteiligt.

Am 23. November 1870 wurde schließlich der Vertrag von Versailles unterzeichnet. König Ludwig II. musste jedoch dazu überredet werden, seine Unterschrift einige Tage später unter den Bundesvertrag zu setzen.

Um die preußische Vormachtstellung im neuen Deutschen Reich zu sichern, sollte der preußische König zum Kaiser ernannt und damit über die anderen Könige erhoben werden. Da Ludwig II. als der vornehmste deutsche Fürst unter den Beitretenden von 1870 galt, sollte er der Rangerhöhung – also der Verleihung des Kaisertitels – König Wilhelms von Preußen zustimmen. Somit würden es ihm die anderen Fürsten gleichtun. Genau darin aber sah Ludwig sein monarchisches Selbstverständnis im Kern berührt: Das bayerische Königtum musste sich nun einem anderen Herrscher unterordnen.

Nach langen Verhandlungen und Zugeständnissen unterzeichnete der König den so genannten Kaiserbrief, den Bismarck formuliert hatte. Darin trug Ludwig II. König Wilhelm von Preußen formell den Titel eines Kaisers an. Zugleich bat er um die „Wiederherstellung eines Deutschen Reiches“. An der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles nahm König Ludwig II. jedoch nicht teil.

Nach langen Verhandlungen stimmte auch der Landtag mit einer äußerst knappen Zweidrittelmehrheit für den Beitritt Bayerns zum Deutschen Reich, jedoch erst drei Tage nach der Kaiserproklamation.

Als die Verfassung des Deutschen Reiches am 16. April 1871 in Kraft trat, galt für Bayern nun zusätzlich zu seiner Verfassung von 1818 die Deutsche Reichsverfassung als übergeordnetes Recht. Der politische Kurs wurde nun durch die Reichsregierung in Berlin bestimmt.

Das Königreich Bayern war nun...

Das Königreich Bayern war nun einer von 26 Bundesstaaten im Deutschen Reich. Dennoch erhielt es eine Vielzahl von Mitglieds- und Sonderrechten. So war Bayern Mitglied des Bundesrates. Dort hatte es 6 der insgesamt 58 Stimmen und den stellvertretenden Vorsitz inne.

Da das Deutsche Reich ein föderalistischer Staat war, durfte Bayern auf manchen Gebieten selbst Gesetze erlassen. Dies galt beispielsweise für das Polizeirecht, das Schul- und Hochschulrecht oder die Wege- und Wasserstraßenverwaltung. Die Wasserstraßen waren beispielsweise für die Wirtschaft von überregionaler Bedeutung. Bayern sorgte dafür, dass die Wasserstraßen, wie der Ludwig-Donau-Main-Kanal, befahrbar waren oder Brücken gebaut und instandgesetzt wurden. Ab 1878 spielte die Wasserversorgung eine immer wichtigere Rolle.

Für den Fall jedoch, dass die Verfassung des Deutschen Reiches bei Gesetzen Lücken aufwies, galten die Gesetze des Einzelstaates.

Anders als die übrigen Bundesstaaten war Bayern auf manchen Feldern sogar ganz von der Gesetzgebung und Rechtsaufsicht des Reichs befreit: Es hatte sogenannte „Reservatrechte“ erhalten. Bayern durfte auf manchen Gebieten eine eigene Verwaltung anstelle der Reichsverwaltung haben. Eigene Regelungen konnte Bayern daher beispielsweise im Eisenbahnwesen, im Post- und Telegrafenwesen oder beim Eherecht erlassen. Zudem hatte es die Steuerhoheit auf Branntwein und Bier. Gerade diese Steuern waren wichtige Einnahmequellen für Bayern. Außerdem behielt es den Oberbefehl seiner Armee im Frieden. Das Königreich Bayern verfügte sogar über das Recht auf eigene Gesandtschaften. Bei Friedensverträgen nach einem Krieg des Deutschen Reichs sollte ständig ein bayerischer Bevollmächtigter hinzugezogen werden.

Die Reservatrechte erloschen für Bayern mit dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919, die wesentlich zentralistischer gestaltet war.

Arbeitsaufträge

  • Informiere dich über den sogenannten Kaiserbrief im Darstellungstext. Beurteile und begründe, weshalb dieser Brief so bedeutend für die deutsche Geschichte ist.
  • Im Original ist diese Quelle allerdings wirklich schwer zu verstehen (Quelle 1). Fertigt in Partner-oder Kleingruppenarbeit eine moderne Fassung des vorliegenden Textes an, sodass sich Schüler bei der Analyse dieser wichtigen Quelle leichter tun. Ihr dürft dabei durchaus Sätze umstellen und andere Formulierungen wählen.
Verständnistipp:  Die Präsidialrechte waren zunächst die Rechte, die König Wilhelm als Herrscher in Preußen ausübte. Denn er hatte innerhalb des Norddeutschen Bundes als König das Bundespräsidium inne.
  • Auch im Bayerischen Landtag diskutierten die Abgeordneten über die Gründung des Deutschen Kaiserreiches. Wie sahen es die Politiker, dass Bayern seine Eigenständigkeit verlieren wird (Quellen 2-4)?
  • Notiert in Partner- oder Gruppenarbeit die Meinung und die Argumente der Abgeordneten Dr. Edmund Jörg, Dr. Nepomuk Sepp und Dr. Marquard Barth.
    • Stellt ihre Aussagen in den historischen Kontext.
    • Schreibt eine der Politikeraussagen um und verfasst gemeinsam eine WhatsApp-Nachricht (max. 280 Zeichen) mit der gleichen Botschaft.
  • Erarbeitet anhand der Quellen 5 bis 7, welche Folgen die Reichseinigung für das Königreich Bayern und seine Bevölkerung hatte.
  • Analysiert in Gruppenarbeit die Abbildungen auf der Schützenscheibe und auf der Postkarte (Quellen 5 und 6). Achtet dabei auf die Personen und deren Anordnung, auf deren Körperhaltung und ihren Blick. Welche Sicht auf die Reichseinigung wird in diesen beiden Quellen deutlich?
  • Überlegt euch in Partner- oder Kleingruppenarbeit, welche Ängste und Befürchtungen oder welche positiven Erwartungen die Menschen in Bayern um 1871 gehabt haben könnten. Achtet dabei auf die Gesellschaftsschicht, der sie angehörten, sowie ihren beruflichen Hintergrund. Verfasst nun einen persönlichen Tagebucheintrag einer Person. Weitere Informationen findet ihr auch unter: Der deutsch-französische Krieg 1870/71, die Reichsgründung und Bayern im Kaiserreich

 

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