Atlas zum Wiederaufbau

Lichtenfels

Am 23.02.1945 wurde Lichtenfels aus der Luft angegriffen, Hauptziel war das Bahnhofsareal. Nach der Besetzung durch US-Truppen am 12.04.1945 griffen deutsche Tiefflieger die Stadt am 16.04.1945 an. 1950 waren 20% der gut 10.000 Einwohner Heimatvertriebene. Die Kommune förderte den Wohnungsbau über eine Baunotabgabe, es entstanden Siedlungen auf genossenschaftlicher Basis. Auch die Infrastruktur konnte ausgebaut werden.

Angriffe

• 23. Februar 1945: US-Luftangriff durch 13 B-17 Bomber
 - ursprüngliche Angriffsziele: Bahnanlagen in Hof, Eger, Bamberg, Bayreuth, Plauen und Zwickau im Rahmen der Operation „Clarion“
 - infolge Wetterlage mit starker Bewölkung ohne Bodensicht über Eger Aufteilung des Bomberverbandes zum Angriff „beliebiger Rangierbahnhöfe und Bahnanlagen in Mitteldeutschland“ als Ausweichziele
 - Wahl des Bahnhofs Lichtenfels als Ersatzziel aufgrund seiner Bedeutung als Zugbildungsbahnhof sowie seiner Lage an einer der wichtigsten Bahnstrecken für den Nord-Süd-Verkehr
 - Abwurf von 96 - 155 Sprengbomben (insgesamt ca. 38,7 Tonnen, davon 20-25% Blindgänger)
• 16. April 1945: deutscher Tieffliegerangriff auf die amerikanisch besetzte Stadt

Tote und Verletzte

• durch Angriff am 23.Februar 1945: 32 Tote
• unbekannte Zahl Toter und Verletzter durch Bombentreffer auf einen Flüchtlings- und einen Wehrmachtszug
• bei Beschuss der Stadt am 12.April 1945: ein toter Zivilist

Schäden

• durch Angriff am 23. Februar 1945:
 - schwere Beschädigung des Bahnhofsgebäudes, des Betriebswerks der Reichsbahn mit den Lokhallen und des Kohlenhofs
 - gravierende Schäden an 12 hinterstellten Lokomotiven und völlige Zerstörung der Ladevorrichtung des Kohlenhofes
 - weitgehende Zerstörung der Gleisanlagen und Oberleitungen
 - Großbrände in den Speditionshallen verschiedener Firmen
 - leichte Zerstörungen an 2 Industrieanlagen und am BAYWA-Lagerhaus
 - erhebliche Zerstörung eines landwirtschaftlichen Anwesens und einer weiteren Industrieanlage
 - Volltreffer auf Hauptleitung der Wasserleitung, Gasleitung und unterirdisches Hauptkabel der Telefonleitung Nürnberg-Halle-Berlin
 - erhebliche Dach- und Glasschäden an zahlreichen Gebäuden im Umkreis des Zielgebiets, besonders in der Bamberger Straße
• bei Beschuss der Stadt am 12. April 1945:
 - Brände in der Schützenstraße
 - einige Granateneinschläge im Oberen Stadtturm
 - insgesamt 15 Gebäude schwer beschädigt
• durch deutschen Fliegerangriff am 16. April 1945:
 - Abbrennen einer Scheune der Firma Heinrich Kraus
 - Schäden an einem Haus

Kriegsende

• 11.April 1945: Sprengung der "Langen Brücke" und der Eisenbahnbrücke bei Schney
• 12. April 1945:
 - Beschuss des Stadtzentrums mit Granaten
 - anschließend kampflose Besetzung der Stadt durch US-Armee
 - eine anwesende Wehrmachtseinheit setzt sich im Laufe des Beschusses Richtung Mistelfeld ab

Ausgangslage

Einwohnerzahlen:
1939: 7.404
1946: 10.143
1955: 10.471
1961: 11.270
1968: 11.184
Flüchtlinge und Heimatvertriebene:

• 1950: ca. 20% der Bevölkerung Flüchtlinge
• 13. September 1950: 2.027 Heimatvertriebene (10.558 Einwohner insgesamt)

Wiederaufbau

Pläne und Ideen:

• 1949: Anregung der Wohnungsbautätigkeit seitens der Stadt durch die Einführung einer „Baunotabgabe“ zur Vergabe von Wohnungsbaudarlehen
• bis Mitte der 1950er Jahre: Konzept der städtischen Politik, nur Wohnungsbauten und keine Industriebauten zu genehmigen, jedoch bereits ab 1950 kontinuierlicher Aufschwung infolge der Grenzland-Lage
• Verringerung der Wohnungsnot durch Baugenossenschaften und Werkswohnungen sowie der Erschließung neuer Siedlungsgebiete
 - Wohnungsbautätigkeit der St. Josephsstiftung und der Gemeinnützigen Baugenossenschaft in der Wenden- und Keltenstraße
 - Baumaßnahmen des Heimkehrerverbands vor allem in der Bezirkssiedlung, der Jahn- und der Friedrich-Ebert-Straße
 - Häuserbau durch die Baufirma Diroll in der Diroll-Straße und am Goldberg
 - städtischer Wohnungsbau überwiegend in der Siedlung am Klentsch und in Richtung Seubelsdorf

Umsetzung:

• nach Luftangriff vom 23. Februar 1945: innerhalb weniger Tage provisorische Wiederaufnahme des Zugverkehrs und Instandsetzung der Wasser-, Gas- und Telefonleitungen durch ca. 300 Wehrmachtspioniere
• 23. April 1945: Behelfsbrücke als Ersatz für die gesprengte "Lange Brücke" von US-Pionieren errichtet
• 1948 - 1962:
 - kontinuierlicher Ausbau von Wohngebieten, Wirtschaft und Infrastruktur
 - städtische Investitionen in das Krankenhaus und das Bildungswesen
 - Neubau der Berufsschule und Einführung einer Oberstufe in der damals städtischen Realschule
 - 1948: Eröffnung des „Reading Rooms“, der ersten Bücherei in Lichtenfels (1951 Einrichtung der Stadtbücherei)
 - 1950: Gründung des Volksbühnenvereins
 - Ausbau des Wasser-, Strom- und Telefonnetzes sowie von Gasleitungen und Kanalisation
 - Renovierung des Gaswerks
• wirtschaftliche Entwicklung:
 - nach 1949 bzw. 1952: regelmäßige Vertretung der „Korbstadt“ Lichtenfels auf den Frankfurter Messen durch die Firmen „Hourdeaux-Bergmann“ und „Dreitz & Wittig“, insgesamt jedoch bis Ende der 1950er sinkende Bedeutung der Korbindustrie
 - dagegen wachsende Bedeutung der Polstermöbelindustrie, vertreten durch Firmen wie „Heinrich Krauss“, „Fritz-Lippmann“ oder „Hourdeaux-Bergmann“
 - zunehmende Bedeutung der Textilindustrie und wachsende Anzahl von Kleinbetrieben und Einzelhandelsgeschäften, darunter zahlreiche Vertriebenenbetriebe
 - um 1958: nahezu Vollbeschäftigung erreicht
 - um 1960: ca. 4.370 Personen in der Industrie beschäftigt

Literatur

HOFFMANN, Baptist: Ereignisvolle Tage in der Stadt Lichtenfels gegen Ende des 2. Weltkriegs 1945, Lichtenfels 1979.
MISTELE, Karl Heinz: 23. Februar 1945. Der Luftangriff der USAAF auf Lichtenfels, in: Colloquium Historicum Wirsbergensee, Geschichte am Obermain Bd. 10 (1975/76), S. 169 - 183.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1952. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1952, S. 496.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1955. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1955, S. 18.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1969. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1969, S. 19.
WOLF, Hannes: Wirtschaftswunder am Obermain. Lichtenfels in den 50er Jahren, in: Lichtenfelser Hefte zur Heimatgeschichte Nr. 4, Lichtenfels 2002, S. 7 - 39.