Atlas zum Wiederaufbau

Oberstdorf

Am 27.04.1945 griffen alliierte Luftstreitkräfte Oberstdorf an. Nachdem die Verteidigung vorbereitet worden war, betrieb eine Widerstandsgruppe die friedliche Übergabe. Am 01.05.1945 rückte die französische Armee ein, am 07.07.1945 wurde sie durch US-Truppen abgelöst. In beschlagnahmten Hotels, Pensionen und Privathäusern wurden ehemalige Zwangsarbeiter durch die UNRRA und IRO untergebracht. 1946 lief bereits wieder der Tourismus an.

Angriffe

• 27. April 1945: alliierter Luftangriff:
 - Abwurf einiger Bomben im Bereich Kühberg-Faltenbach-Plattenbichl
 - Beschuss dieses Gebiets mit Bordwaffen
• 01. Mai 1945: Verhinderung alliierter Luftangriffe zur Unterstützung des französischen Vormarschs durch starkes Schneetreiben

Tote und Verletzte

• 27./28. April 1945: 1 Mann wird von einem SS-Soldaten in Birgsau erschossen

Schäden

• durch Luftangriff vom 27. April 1945: relativ geringe Sachschäden

Kriegsende

• März 1945:
 - Bildung einer Volkssturm-Einheit auch in Oberstdorf
 - Umfunktionierung der Oberstdorfer Schulen zu Lazaretten (am Vormittag Schulunterricht in den Gasthäusern)
• April 1945: Bildung der Widerstandsgruppe „Heimatschutz“, mit dem Ziel der friedlichen Übergabe der Stadt
• 01. Mai 1945:
 - Verhaftung von mehreren Personen, v.a. NSDAP-Partei-Funktionären, durch die Widerstandsgruppe „Heimatschutz“
 - Einrücken einer Vorhut der 2. französischen (marokkanischen) Infanterie-Division mit 8 Panzern in Oberstdorf
 - Verhinderung alliierter Luftangriffe zur Unterstützung des französischen Vormarschs durch starkes Schneetreiben
 - kampfloser Einmarsch der französischen (marokkanischen) Armee
• 07. Juli 1945: Ablösung der französischen Armee durch US-Truppen
• 12. Juli 1945: Auflösung des bis dato unter Waffen stehenden „Heimatschutzes“ durch den US-Militärgouverneur

Ausgangslage

Einwohnerzahlen:
1939: 5.447
1946: 8.197
1955: 7.995
1961: 8.326
1968: 9.330
Flüchtlinge und Heimatvertriebene:

• nach Kriegsende 1945: Unterbringung und Betreuung der ehemaligen ausländischen Zwangsarbeiter, v.a. Polen und Russen, in den Hotels „Chrislessee“, „Luitpold“, „Sonne“ und „Rubihaus“ durch die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration; Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der VN; ab 1946: IRO = International Refugee Organisation; 1952 aufgelöst)
• ab Ende 1945: Eintreffen von Transporten mit Flüchtlingen und Heimatvertriebenen in Oberstdorf
• 1945 - 1946: Beschlagnahmung von Wohnraum durch die Besatzungstruppen, um die zugewiesenen Flüchtlingstransporte unterzubringen (Gaststätten, Pensionen, Hotels und 81 Privathäuser); die beschlagnahmten Ortsviertel behält die Besatzungsmacht bis weit in die 1950er Jahre
• Juli 1946: Rückkehr vieler ehemaligen polnischen Zwangsarbeiter in ihre Heimat mit dem sogenannten Polenzug nach Warschau
• September 1946: Unterbringung von Flüchtlingen und Heimatvertriebene in den Hotels „Sonne“ und „Rubihaus“ durch den Flüchtlingskommissar, nachdem die Hotels von der UNRRA aufgegeben wurden
• 13. September 1950: 1.488 Heimatvertriebene (8.134 Einwohner insgesamt)

Wiederaufbau

Umsetzung:

• Oktober 1945:
 - Beginn des Unterrichts in der Volksschule
 - erste Bürgerversammlung im Gasthaus „Löwen“
• November 1945: Verlegung aller US-Dienststellen nach Sonsthofen
• 1945 - 1946:
 - Beschlagnahmung von Wohnraum durch die Besatzungstruppen, um die zugewiesenen Flüchtlingstransporte unterzubringen (Gaststätten, Pensionen, Hotels und 81 Privathäuser); die beschlagnahmten Ortsviertel behält die Besatzungsmacht bis weit in die 1950er Jahre
 - fast gänzliches Erliegen des Kurbetriebs
• Januar 1946: Gründung des Oberallgäuer Skiverbandes
• März 1946: Herstellung von Bratpfannen, Kochtöpfen und Holz-/Kohleherden durch den ehemaligen Rüstungsbetrieb Staehely aus Wuppertal (während des Krieges Produktion von Flugzeugteilen in der Baumwollspinnerei Oberstdorf)
• April 1946:
 - Ausbrennen des Verbindungsbaus zwischen Volksschule und Turnhalle
 - Verlegung von Erd-Stromkabeln
• bis Dezember 1946: Anmeldung von 20 neuen Gewerben in Oberstdorf
• 1947:
 - Anfänge kulturellen Lebens: Gründung einer Kulturgemeinde durch Walter Böhle und Herbert Engel
 - Boom an hochwertigen Gastspielen auswärtiger Bühnen und Orchester, durch den Nachholbedarf an Kultur-Veranstaltungen
• 1948: Belebung des Kurbetriebs
• 1949:
 - Errichtung eines öffentlichen Kneippbades durch den Vorstand des Kneippvereins in dessen Haus
 - Bau der Skiflugschanze im Stillachtal (Geldsammlung für den Bau durch Sportler aus der gesamten BRD)
• 1950:
 - erste Kurkonzerte der durch den Krieg stark dezimierte Musikkapelle Oberstdorf, mit Aushilfskräften benachbarter Kapellen
 - großer sportlicher, wie auch Werbeerfolg für Oberstdorf durch die erste Skiflugwoche
 - Bau der Doppelsitzerbahn nach Schrattenwang durch die Sesselbahn AG (heute Söllereckbahn)
 - Gründung der „Skischule Kühberg“
• 04. Januar 1953: Oberstorf ist nach Garmisch-Partenkirchen (01.01.1953) zweite Station der erstmals stattfindenden „Internationalen Vier-Schanzen-Tournee“: Auftaktveranstaltung auf der Schattenbergschanze
• 1953:
 - Kauf des Parkhotels „Luitpold“ durch den Markt Oberstdorf
 - Umbau des Christlichen Hospiz' zu einer Kneippkuranstalt
 - Erwerb der Fiderepaß-Hütte durch die Alpenvereinssektion Oberstdorf vom Bayerischen Staat
 - Bau der Jugendherberge in Spielmannsau
 - Einrichtung des Campingplatzes an der Rubinger Straße
• 1954/1955: Bau einer Jugendherberge in Oberstorf-Kornau durch die Architekten Werner Schneider und Wolf Zuleger; moderner Bau mit Verwendung der traditionellen Materialien Holz und Naturstein, um die regionale Bautradition weiterzuführen; Gliederung in Haupthaus, Verbindungstrakt und Sommerhaus (1991/1992: Erweiterung und dabei Zerstörung des ursprünglichen Charakters)
• 1956: Eröffnung des Allgäuer Bergbads am Jauchen
• 1956/1957: Übernachtungen übersteigen erstmals die Millionengrenze (1.002.241)
• 1956 - 1958:
 - Erneuerung der Badeanlage am Freibergsee
 - Bau eines neuen Badehauses samt Strandcafé
• 1959:
 - Bau eines Winter- und Sommer-Kunsteisstadion
 - Gründung der Kur- und Verkehrsbetriebe AG durch Umbenennung der Sesselbahn AG
• 1960: Einführung des Curling-Sport in Oberstorf
• 1962: Inbetriebnahme des Kleinen Kursaals des Kurhauses im ehemaligen Hotel „Luitpold“ durch die Marktgemeinde
• 1963:
 - Eröffnung des Kurmittelhauses unter der Leitung von Dr. Waldemar Hornbacher im ehemaligen Hotel „Luitpold“
 - Bau einer Neun-Loch-Golfanlage in der Gebrgoibe
• 1964:
 - Auszeichnung Oberstdorfs mit dem Prädikat „Kneippkurort“
 - Umbenennung des „Verkehrs- und Kurvereins Oberstdorf“ in „Verschönerungsverein Oberstdorfe e.V.“
• 1965: Gründung der „Neuen Skischule“
• 1966: Gründung der Skibobschule
• 1967: Gründung eines örtlichen Rotary-Club
• 1968: Eröffnung des Kurhotels Exquisit
• 1970:
 - Erweiterung des Hotels Filser zum Kurhotel
 - Partnerschaft mit dem französischen Alpenkurort Mégève in Hochsavoyen
 - Anlage von ADAC-Skiwanderwege
 - Entstehen einer Skiwanderschule
• 1971:
 - Anzahl der Betten übersteigt erstmals die Grenze von 10.000 (10.076)
 - Präsentation des 2km langen „Vita-Parcours“ am Renksteg
 - Baubeginn des Kur-, Kongress- und Theatersaales durch die Kur AG
 - Einrichtung einer ständigen Kurseelsorge durch die kath. Kirche (bis 1971: beide Kirchen nehmen sich während der Saison sich der Kurseelsorge an)
• 1972:
 - Übernachtungen übersteigen erstmals die 2-Millionengrenze (2.068.244)
 - Errichtung des Hallen-Brandungsbades
 - Gestaltung eines Naturlehrpfades am Moorweiher durch Kurverwaltung und Forstamt
 - Neubau der Skiflugschanze
 - Bau einer zweiten Anlage im Schattenbergstadion für die Skiflugweltmeisterschaften 1973
 - Baubeginn der Fellhorn-Großkabinenbahn mit mehreren Liften durch die Fellhornbahn AG
 - Anlage der Westumgehungs-Straße, die den Verkehr zu Flugschanze und Fellhornbahn aufnimmt
• Juli 1972: Eingemeindung von Tiefenbach, Rubi, Reichenbach und Schöllang im Zuge der Gebietsreform
• 1973: erste Skiflug-WM in Oberstorf
• 1974: versuchsweise Einbeziehung des Marktplatzes in eine Fußgängerzone

Literatur

NERDINGER, Winfried (Hrsg.): Architektur der Wunderkinder. Aufbruch und Verdrängung in Bayern 1945-1960, Salzburg / München 2005, S. 155.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1952. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1952, S. 500.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1955. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1955, S. 19.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1969. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1969, S. 20.
THOMMA, Eugen: Kleine Chronik des Fremdenverkehrs in Oberstorf, in: Unser Oberstdorf. Blätter zur Oberstdorfer Heimatkunde. Halbjahresschrift des Verschönerungsvereins Oberstdorf, Sonderheft (April 1998), S. 869 - 889, hier: 883 - 885.
THOMMA, Eugen: Oberstdorf vor 50 Jahren. 1945, in: Unser Oberstdorf. Blätter zur Oberstdorfer Heimatkunde. Halbjahresschrift des Verschönerungsvereins Oberstdorf, Heft 28 (Juni 1996), S. 672 - 674.
THOMMA, Eugen: Oberstdorf vor 50 Jahren. 1946, in: Unser Oberstdorf. Blätter zur Oberstdorfer Heimatkunde. Halbjahresschrift des Verschönerungsvereins Oberstdorf, Heft 30 (Juni 1997), S. 778 - 782.
WEIß, Peter: 125 Jahre Verschönerungsverein Oberstdorf. Die ersten hundert Jahre, in: Unser Oberstdorf. Blätter zur Oberstdorfer Heimatkunde. Halbjahresschrift des Verschönerungsvereins Oberstdorf, Sonderheft (April 1998), S. 840 - 862, hier: 860 - 862.
INTERNET:
http://www.oberstdorf.de/dorf/tourismus/historische-statistik.html (19.01.2010).

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