Atlas zum Wiederaufbau

Stephanskirchen

Mehrere Luftangriffe trafen Stephanskirchen 1944/1945. Hauptangriffsziel war die Flakkaserne, die in den letzten Kriegsmonaten auch als Außenlager des KZ Dachau diente. Am 01./02.05.1945 marschierten US-Truppen ein. 1946 wurde ein Flüchtlingslager errichtet. In der Flakkaserne wurden Displaced Persons untergebracht. Ein anderer Teil des Areals diente als Internierungslager für ehemalige NS-Funktionäre. Um 1950 waren 24% der Bevölkerung Heimatvertriebene, mehrere Flüchtlingsbetriebe verliehen dem Wirtschaftsleben neue Impulse.

Angriffe

• Dezember 1944 - April 1945:
 - mehrere Luftangriffe, meist gleichzeitig mit den Luftangriffen auf Rosenheim
 - Hauptangriffsziele: Wehrmachtskaserne Stephanskirchen (Flak-Ersatz-Abteilung 2), Eisenbahnbrücke über den Inn

Tote und Verletzte

• durch Luftangriffe insgesamt:
 - mindestens 12 Tote, darunter mindestens 5 Zivilisten, außerdem Soldaten und russische Zwangsarbeiter
• nach Kriegsende 1945: 2 tote Kinder durch die Explosion einer Granate

Schäden

• durch Luftangriffe vom 15. und 21. Dezember 1945:
 - völlige Zerstörung von 3 Wohnhäusern
 - Beschädigung von mehreren Wohnhäusern
 - Zerstörung mehrerer Gebäude in der Flakkaserne
• durch Tieffliegerangriff vom 11. April 1945: schwere Schäden an der Eisenbahnbrücke

Kriegsende

• Ende April 1945:
 - Verlassen der Flakkaserne Stephanskirchen, die in den letzten Kriegsjahren als Rüstungsbetrieb genutzt wurde (von Dezember 1944 bis März 1945 Außenlager des KZ Dachau mit rund 200 Häftlingen)
 - vorbereitete Sprengung der Straßenbrücke über den Inn zwischen Rosenheim und Schloßberg wird nicht durchgeführt
• 02. und 03. Mai 1945:
 - Einmarsch der US-Armee
 - nach dem US-Einmarsch Plünderungen in der Flakkaserne durch die Bevölkerung
 - Einquartierungen von US-Soldaten in Privathäusern

Spuren des Krieges

• Reste von Luftschutzstollen
• Sockelreste von ehemaligen Flakstellungen
• einige Gebäude der ehem. Wehrmachtskaserne Stephanskirchen im heutigen Ortsteil Haidholzen
• Gedenkstein an das ehemalige KZ-Außenlager (Reichenberger Straße, vor dem Einfahrtsportal der ehemaligen Wehrmachtskaserne; errichtet im Juni 1996)
• Gedenkstein an die Begräbnisstätte von KZ-Häftlingen (Nahe der nördlichen Friedhofsmauer in Baierbach; errichtet im Mai 2000)

Ausgangslage

Einwohnerzahlen:
1939: 3.686
1946: 5.080
1955: 5.689
1961: 6.211
1968: 7.514
Flüchtlinge und Heimatvertriebene:

• nach Kriegsende 1945:
 - Zustrom von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen
 - Zwangseinquartierung von Flüchtlingen in Privathäusern
• ab Anfang 1946: Flüchtlingslager für 110 Personen im südlichen Teil der ehemaligen Flakkaserne
• Ende 1946-März 1950: Lager der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration; Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der VN; ab 1946: IRO = International Refugee Organisation; 1952 aufgelöst) für Displaced Persons im Bereich der ehemaligen Flakkaserne
• ab 1950: nach Räumung des IRO-Lagers, Errichtung eines großen Vertriebenenlagers für mehrere Hundert Menschen
• 13. September 1950: 1.528 Heimatvertriebene (5.705 Einwohner insgesamt)
• Mitte der 1950er Jahre:
 - ca. 1.300 Vertriebene in der Gemeinde Stephanskirchen (ca. 24% der Gesamtbevölkerung)
 - der neuentstandene Ortsteil Haidholzen zählte 1953 als größte Vertriebenensiedlung im Altlandkreis Rosenheim bereits 925 Einwohner

Wiederaufbau

Pläne und Ideen:

• 1948:
 - Ausarbeitung des Siedlungsprojekts „Neu-Reichenberg“ für 900 Familien anstelle des Vertriebenenlagers, durch den heimatvertriebenen Architekten Ludwig Kautzky
 - dazu Gründung einer Genossenschaft zur Finanzierung
 - Projekt jedoch nicht verwirklicht
 - stattdessen erst 1952 bzw. ab 1956 Neubebauung des Lagergeländes

Umsetzung:

• Juli 1945 - Ende 1946: Errichtung eines Internierungslagers für rund 1.000 NS-Funktionäre durch die US-Armee auf dem ehemaligen Gelände der Flakkaserne
• nach Kriegsende 1945: zunächst Schaffung einer provisorischen Infrastruktur im Vertriebenenlager
• ab Oktober 1946: Unterrichtsbeginn in der Lagerschule
• 1946 - 1949: Wiederaufbau des kath. Kirche St. Stephan, unter Erhaltung der bestehenden Restkirche weitgehend in ursprünglicher Form; lediglich Neugestaltung der Schiffverlängerung, der Westwand mit Empore und des Turms nach Plänen von Friedrich Händl
• ab 1947: Entstehung mehrerer Industriebetriebe im Vertriebenenlager, aufgebaut von heimatvertriebenen Unternehmern, u.a.:
 - Oberbayerische Tuchfabrik (ab 1947; bestand bis 1958)
 - PIT Süßwaren- und Nährmittelfabrik (ab 1948; besteht noch heute)
 - Streichgarnspinnerei Pfeifer & Riecken (ab 1949; bestand bis 1978)
• 1950: Bau eines Lagerkindergarten
• 1952: Errichtung von Einfachstwohnungen durch die „Oberbayerische Heimstätte“ in mehreren Wohnblöcken als erster Ersatz für einige Barackenunterkünfte
• 1953:
 - Benennung der Lagersiedlung mit dem neuen Ortsnamen „Haidholzen“
 - bereits 925 Einwohner im neuen Ortsteil Haidholzen (größte Vertriebenensiedlung im Altlandkreis Rosenheim)
• ab 1956: systematische Auflösung des Lagers und Neubebauung (u.a. durch das „Kath. Siedlungswerk“, die „Wohnbaugenossenschaft Rosenheim-Land“ und den „VdK“)
• 1958: Auflösung der Lagerschule und Eingliederung der Klassen in die Volksschule Stephanskirchen
• 1950er und 1960er Jahre:
 - starke Zunahme der Bautätigkeit in Schloßberg, dem größten Ort im Gemeindegebiet und Sitz der Gemeindeverwaltung, aufgrund der Stadtrandlage zu Rosenheim (u.a. Villensiedlung an der Kaiserblickstraße und Reihenhaussiedlung der „Gagfah“ am Pfaffenanger)
 - zahlreiche Betriebsaufgaben von Bauernhöfen in den ländlichen Teilen der Gemeinde Stephanskirchen im Zuge des Strukturwandels
• 1961: bereits 1.248 Einwohner in der Vertriebenensiedlung Haidholzen
• 1962: Bau eines kath. Pfarrheims und eines Kindergartens
• 1965: Bau einer evang.-luth. Kirche
• 1969/1970:
 - Bau einer kath. Kirche
 - nach Fertigstellung der Kirche Verlegung des Pfarrsitzes nach Haidholzen und Umbenennung der Pfarrei in Stephanskirche-Haidholzen

Kirchen und Klöster

Kath. Kirche St. Stephan Stephanskirchen

Kirchen und Klöster

Zerstörung: 15.11.1944
Wiederaufbau: 1946-1949

Literatur

BESELER, Hartwig / GUTSCHOW, Niels: Kriegsschicksale Deutscher Architektur. Verluste - Schäden - Wiederaufbau, Neumünster 1988, S. 1479.
BRANDAU, Doris: Die Aufbauleistungen der Vertriebenen im Raum Rosenheim, in: Das bayerische Inn-Oberland, 53. Jahrgang, Rosenheim 1996.
LAKOWSKI, Andreas: Stephanskirchen – Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, in: Rosenheim im Dritten Reich, Rosenheim 1989.
LUKAS, Leo: Chronik von Haidholzen. Typoskript, Haidholzen 1986.
MAIR, Karl: Schloßberg und Umgebung in alten Ansichten, Schloßberg 1999.
MAIR, Karl: Stephanskirchen und Umgebung in alten Ansichten, Schloßberg 2000.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1952. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1952, S. 492.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1955. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1955, S. 20.
STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR BAYERN 1969. Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1969, S. 20.

DANK
Für weitere Auskünfte danken wir der GEMEINDEVERWALTUNG Stephanskirchen und dem ORTSHEIMATPFLEGER von Stephanskirchen.

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