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Günter Wetzel und Peter Strelzyk

Der Fluchtballon, der 1979 bei Naila landete (hier zu sehen in Hof bei einem Flugplatzfest im Jahr 1985).

© Günter Wetzel

 

Ballonfahrt in die Freiheit

Am frühen Morgen des 16. September 1979 treffen Peter Strelzyk und Günter Wetzel nahe der oberfränkischen Stadt Naila auf westdeutsche Grenzsoldaten. Ihre einzige Frage lautet: „Sind wir hier im Westen?“ Als die Soldaten dies bestätigen, brechen die beiden in Jubel aus. Sie haben gerade die gefährlichste Nacht ihres Lebens hinter sich: die Flucht aus der DDR mit einem selbstgebauten Heißluftballon. Beide flüchteten gemeinsam mit ihren Ehefrauen und jeweils zwei Kindern.

Strelzyk, Luftfahrtmechaniker und Elektromonteur, sowie der handwerklich geschickte Maurer Wetzel lebten in Pößneck in Thüringen im Süden der DDR. Etwa zwei Jahre planten sie ihre Flucht. Heimlich beschafften sie Bücher darüber, wie Fluggeräte funktionieren und entwickelten ein Brennersystem mit Propangas. Insgeheim nähte Wetzel Hunderte Quadratmeter Stoff zu einer riesigen Ballonhülle zusammen.

Die ersten beiden Fluchtversuche scheiterten. Im April 1978 war die Ballonhülle ungeeignet, die Luft entwich. Den zweiten Versuch unternahm die Familie Strelzyk allein: Im Juli 1979 stürzte der Ballon kurz vor der Grenze ab. Zwar konnte die Familie Strelzyk unerkannt nach Hause zurückkehren, doch die Polizei fand später den Ballon und begann nach den Verantwortlichen zu suchen.

Für den dritten Versuch arbeiteten beide Familien wieder zusammen. Sie kauften den Stoff in kleineren Mengen an verschiedenen Orten in der DDR, um keinen Verdacht zu erregen. Deshalb ist die Ballonhülle auch bunt und nicht einfarbig. Wieder nähten sie eine riesige Ballonhülle, dieses Mal ganze 28 Meter lang. In der Nacht des 16. September 1979 waren die Wetterbedingungen ideal: Ein konstanter Wind aus Norden versprach gute Chancen. Sie starteten ihren Fluchtversuch nahe der Grenze. Um 2:26 Uhr hob der Ballon ab und stieg auf über 2000 Meter Höhe bei Temperaturen von minus acht Grad.

Schon kurz nach dem Start meldete ein Nachtwächter ein unbekanntes Flugobjekt. Die DDR-Polizei suchte den Himmel mit Scheinwerfern ab, konnte den Ballon aber nicht entdecken. Bevor die Grenzpolizei eingreifen konnte, hatte der Ballon bereits die Grenze überflogen. Nur sieben Kilometer hinter der Grenze landeten die beiden Familien – mit viel Glück – in der Nähe des oberfränkischen Städtchens Naila, nur wenige hundert Meter von einer Hochspannungsleitung entfernt.

Die spektakuläre Flucht sorgte im Westen für großes Aufsehen. Viele Zeitungen berichteten wochenlang darüber, es wurde ein Buch über diese besondere Flucht geschrieben, und Hollywood verfilmte die Geschichte. Der Film heißt Night Crossing. Der Bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß empfing die beiden Familien in der Staatskanzlei in München.

Günter Wetzel arbeitete später nach einer Umschulung als Kfz-Mechaniker im Raum Hof. Die Familie Strelzyk eröffnete ein Elektrogeschäft in Bad Kissingen. Doch selbst im Westen wurden sie noch von Stasi-Mitarbeitern beobachtet und unter Druck gesetzt. 1985 zogen sie deshalb in die Schweiz und kehrten erst nach dem Ende der DDR 1989/90 nach Deutschland zurück.

 

Quellen/Literatur:

  • Zeitzeugeninterviews Haus der Bayerischen Geschichte (Günter Wetzel, Doris und Peter Strelzyk)

  • Roman Grafe: Die Grenze durch Deutschland. Eine Chronik von 1945 bis 1990, München 2008, S. 262 ff.;

  • Jürgen Petschull: Mit dem Wind nach Westen. Die abenteuerliche Flucht von Deutschland nach Deutschland, verfilmt von Walt Disney Product., München 1980.